Leider kennt die Wikipedia den Begriff “Fremdscham” nicht. Man wird zu “Schamgefühl” weitergeleitet. Dort heißt es gleich zu Beginn:
Schamgefühl bezeichnet das angstvolle Bewusstsein, eine gültige Norm oder die Erwartungen Anderer offensichtlich und derart schwer verletzt zu haben, dass man die Achtung derjenigen verliert, mit denen man lebt und von denen man abhängt. Es ist vom ebenfalls angstbesetzten Schuldgefühl zu unterscheiden, das der Öffentlichkeit einer Verfehlung nicht bedarf: Hier hat man gegen seine eigenen höchstpersönlichen Werte verstoßen (gegen sein Über-Ich oder sein Gewissen gehandelt, ‚sich versündigt‘).
Das Setting
Das Fremdschämen ist wohl irgendwo zwischen Scham- und Schuldgefühl anzusiedeln, mit einem Hauch von Mitleid: Die Verfehlungen eines Anderen sind so schwer, dass Schadenfreude nicht mehr ausreicht, sie zu verarbeiten – Scham stellt sich ein, selbst wenn man sich völlig unbeobachtet glaubt.
Dass dieses Prinzip aber auch unterhalten kann, machte sich Christian Ulmen 2005 mit “Mein neuer Freund” zu Nutze. Ulmen durfte dabei jeweils ein Wochende lang, als fiese Type verkleidet, Kandidaten quälen und vor ihren Angehörigen blamieren. Hielt der Kandidat das Wochenende durch, bekam er 10.000 Euro. Ob es das wert war, vor dem Bekanntenkreis die Hosen runtergelassen zu haben, ist fraglich – der Zuschauer war aber auf jeden Fall gut unterhalten.
Diese Freude an Peinlichkeiten und Leid Anderer kann natürlich nur von der Insel kommen: Mein neuer Freund war eine Adaption des britischen “My new best Friend”, die dem Original so treu blieb, dass man sogar die Aufmachung der Show und einen guten Teil der Charaktere übernahm.
Stellt man “Stromberg” neben das UK-Original “The Office” fragt man sich zwar, was für Abstriche im Fall von “Mein neuer Freund” gemacht wurden – aber davon sollte man sich die Laune nicht verderben lassen, denn Christian Ulmen hat seine Arbeit wirklich sehr gut gemacht.
Die Rückkehr der Freunde
Und jetzt ist Christian Ulmen zurück, mit drei Charakteren aus seiner Quälshow: Dem schmuddeligen Liedermacher Knut, dem arrogant-herrischen Alexander von Eich und dem etwas zurückgebliebenen Muttersöhnchen Uwe. Ulmen.tv zeigt in 5-Minuten-Häppchen was aus den “neuen Freunden” geworden ist. Jeder der drei bekommt dabei seine eigene Parodie einer Reality-Show:
Knut Hansen wird in bester low-budget Reisedokumanier ins bayerische Hinterland geschickt. Der übelriechende untalentierte Alleinunterhalter eckt dabei an jedem Ort mit seinem Unterleibshumor an.
Lediglich in Chamerau findet er wohl einen Freund: Den damaligen ersten Bürgermeister der Gemeinde und aus den bisherigen Schnippseln lässt sich nur schwer erkennen, wer sich hier stärker blamiert – der fiktive Knut oder der ausländer- und schwulenfeindlich schwadronierende Bürgermeister.
Der dünkelhafte Alexander von Eich bekommt seine eigene Coachingshow, in der er einer Hartz-IV-Familie zurück in den bürgerlichen Alltag helfen soll. Erster Gleichnis auf dem Weg zum besseren Leben: Die Kletterwand. Unten ist die Gosse, auf halbem Weg liegt der Sieg über den Alkohol, am höchsten Kletterhaken: Ein Job an der Kasse bei Lidl.
“Höher geht es nicht! Dort oben ist eine Betondecke!”, lässt Ulmen seinen Alexander von Eich rufen. Er erniedrigt die – hoffentliche ebenfalls fiktive – Familie vor Dritten, die dem Treiben erstaunlich tatenlos zusehen. “Ich will dem Staat nicht länger auf der Tasche liegen!” lässt Eich die Familie immer wieder skandieren und der Kletterhallenbetreiber grient nur irritiert. Grauenvoller lässt sich die Gewöhnung an soziale Notstände nicht verbildlichen.
Uwe Wöllner soll endlich lernen auf eigenen Beinen zu stehen. Ein windiger Fernsehproduzent schickt das wohl endzwanziger Computerspielkind, das sich Pamela Anderson zur Freundin wünscht, in der ersten Episode zum Imagecoach.
Nach seinen ersten Infantilitäten wird recht schnell klar, dass Uwe entgegen seiner Ansprüche nicht das Material ist, aus dem man Karrieretype macht. Die Contenance mit der die Imageberaterin Uwes pubertären Dümmlichkeiten über sich ergehen lässt, ist bewundernswert, der Rauswurf dennoch unvermeidlich. Wahrscheinlich läuft es bei Uwes nächsten Station holpriger.
Das Ganze erinnert ein wenig an das österreichische Undercover, gibt sich durch die nervtötenden Figuren und ihre bizarren Shows noch eine Spur anarchistischer und böser.
Die Moral
Irgendwie hebt Ulmen mit alle diesem auch den Zeigefinger: Zivilcourage haben die Augenzeugen anscheinend keine. Oder zeigt er auf die Werte, die uns täglich vorgebetet werden (Chancengleichheit, Respekt, Wert des Menschen) und die in seiner Show niemand beherzigt? Alexander von Eich demonstriert die Akzeptanz der totalen Erniedrigung, wie sehr man sich mit einer grausamen Klassengesellschaft abgefunden hat. Uwe spricht das Gute im Menschen an – aber was will man denn mit einem machen, bei dem Hopfen und Malz verloren sind. Knut provoziert seine Umgebung, aber wie lange lässt sich das objektiv Ekelhafte ertragen? Zum Glück wurde in dieser Hinsicht auf eine belehrende Offstimme verzichtet – Ulmen.tv überlässt dem Zuschauer seine Interpretation und packt keine moralischen Keulen aus.
Die Präsentation
Dabei ist Ulmen.tv nicht mit dem deutschen Fernsehen kompatibel. Sender wie Pro7, auf denen das eigentlich ziemlich großartige Grundkonzept von Dr. Psycho zur Schmonzette aufgeweicht wird, könnten Ulmen.tv in seiner vollen Härte nicht zeigen.
Zudem lauern, was man die Tage in jedem Presseschrieb lesen darf, die härtesten Ulmenfans im Internet. Die Folgen sind daher über die Brainpool-Plattform Myspass.de kostenlos abrufbar. Die Seite sieht grausam aus. Die Bedienung ist grätzig. Aber es funktioniert, nach einigen Kapazitätsproblemen beim Start, dann doch irgendwie.
Wie bei einem echten Web-2.0-Ding zu erwarten, schreiben die Charaktere zudem noch eigene Blogeinträge, die bisher aber nicht mit den Videoclips mithalten können. Denn Ulmen.tv funktioniert nur dort, wo reale Personen auf die fiktiven Nervensägen treffen. Die Kunstfiguren alleine können nicht diese gewaltige Scham erzeugen und sind in diesen Momenten vergleichsweise blass.
Das Fazit
Ulment.tv hat die Messlatte von Anfang an recht hoch angesetzt: Die veröffentlichen Clips sind von einer sarkastischen Düsternis durchzogen, wie man das bisher noch am ehesten beim leider verblichenen ZYN! gesehen hat. War “Mein neuer Freund” Ulmens Gesellenstück, versucht er sich hier am Meistertitel. Aber es wird schwierig sein, diese Wucht von Unmoral noch zu toppen und das Interesse, die Spannung und den anarchistischen Spaß auf Dauer zu halten. Sollte Christian Ulmen das im Verlauf seiner Webshows gelingen, hat er sich den Titel wirklich verdient.
[Ulmen.tv]